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Diskussion über das Naturbad am 09. Juni 2004
in Herrenberg

(Anmerkungen von Herrn Dipl.-Ing. S. Klotz im Anschluss an den Vortrag von Herrn Dipl.-Ing. R. Grafinger)

Meine Damen und Herren,
zunächst darf ich mich herzlich bedanken für die Einladung zu dieser Diskussion über eine noch recht junge und konsequenterweise noch nicht sehr weit verbreitete Art von Freibadeanlagen – die Naturbäder oder auch Schwimm- und Badeteichanlagen. In Deutschland gibt es inzwischen ca. 50 Anlagen, von denen die Mehrzahl aber erst in den letzten 5 Jahren entstanden ist. Die Stadt Herrenberg hat unser Büro mit einer Untersuchung über den geeignetsten Standort eines neuen Freibades in Herrenberg beauftragt. Das alte Freibad in der Aischbachstraße besteht seit 1931 und ist trotz regelmäßiger Wartungs- und Renovierungsarbeiten weitestgehend erneuerungsbedürftig. Da an anderer Stelle – im Längenholz – ein modernes Hallenbad betrieben wird und dort ebenfalls ausreichend Grundstücksfläche vorhanden ist, um ein Freibad zu errichten, gilt es die Vor- und Nachteile zwischen diesen beiden Standorten zu untersuchen.

Unabhängig von der Untersuchung der beiden Standorte war es auch unser Auftrag, eine Stellungnahme zur Realisierungsmöglichkeit eines Naturbades an beiden Standorten abzugeben.

Wir – die Klotz und Partner GmbH in Stuttgart und Freiburg im Breisgau - beschäftigen uns seit nahezu 30 Jahren sehr intensiv mit dem Bäderbau in allen seinen Formen: Freibäder, Hallenbäder, Freizeitzentren, Kurbäder, Wellnesseinrichtungen. Dabei bemühen wir uns, alle Aspekte des Bäderbaues zu betrachten und zwar von der ersten Investitions- und Planungsidee über das Projektmanagement, die Planung bis zum Betrieb der Anlagen. Wir waren tätig an verschiedensten Anlagen vom Kurmittelhaus in Westerland auf Sylt über Kureinrichtungen in der Lüneburger Heide, die Ahrthermen in Bad Neuenahr, das Leo-Bad in Leonberg, das Niedrigenergiebad in Marburg an der Lahn, das Neckarfreibad in Esslingen, das Solemar in Bad Dürrheim und vor wenigen Monaten wurden die Bodenseethermen in Überlingen am Bodensee in Betrieb genommen. Die Beschäftigung mit dem Bäderbau macht uns sehr viel Freude, wenngleich es sich um einen der schwierigsten Bereiche des Bauwesens handelt. Kein anderes Bauwerk wird so intensiv beansprucht wie ein Bad und zwar durch die Badegäste die die Haltbarkeit von Baukonstruktionen intensiv testen, durch aggressives Wasser in den Becken, durch Luftfeuchtigkeit, Temperaturspannungen und Kondensatfeuchte sodass Funktionen, Konstruktionen und die derungen zu bestehen haben. So ist es auch kein Wunder, wenn die Bauunterhaltung der Bäder eine Herausforderung für jeden kommunalen und privaten Finanzhaushalt ist.

Eine weitere Besonderheit der Bäder ist die Tatsache, dass sie trotz aller Beliebtheit bei den Badegästen hinsichtlich der Betriebskosten in der Regel stark defizitär sind - Ausnahmen bilden lediglich Freizeitbäder mit Besucherzahlen jenseits der 300.000 Besucher pro Jahr und höheren Eintrittspreisen, die wenigstens die Betriebskosten weitgehend decken können.

Eine wichtige Feststellung ist, dass das Baden und Schwimmen, die Beschäftigung mit Wasser, seit Menschengedenken ungeschmälert zu den Lieblingsbeschäftigungen der Menschen gehört. Deshalb sind die Bäder allgemein und die Freibäder an heißen Tagen nicht aus der Freizeitgestaltung der Bürger wegzudenken insbesondere dort, wo natürliche Gewässer in Form von Meer und Seen, Flüssen mit einwandfreier Wasserqualität und entsprechende Kunstseen wie Baggerseen nicht zur Verfügung stehen.

Wie bereits angedeutet, gibt es unterschiedlichste Angebote an den interessierten Badegast vom einfachsten Plantschen über das Schwimmenlernen, das sportliche Schwimmen, das therapeutische Baden, das Ausruhen in warmem Wasser. Inzwischen gibt es keine Attraktion, die nicht gebaut würde, wenn der Betreiber den Eindruck hat, dass er damit seinen Badegästen einen besonderen Anreiz bietet, sein Bad aufzusuchen.

In dem Spektrum der verschiedenen Bäderangebote und Bädervarianten hat sich in den letzten Jahren der Schwimmteich entwickelt und es ist sicher, dass diese Schwimmteiche auch einen festen Platz in dieser Angebotspalette einnehmen werden bzw. schon eingenommen haben.

Die Presse hat zwar am 01. April im Gäuboten geschrieben, aus unserem Gutachten ginge nicht hervor, dass Naturbäder keine "Schlammgruben" zum Waten seien. Wir haben dies in der Tat nicht besonders erwähnt, weil es heute überall bekannt ist und keiner ausdrücklichen Erwähnung bedarf, dass Schwimmteiche heute längst keine Schlammgruben mehr sind.

Der Schwimmteich
Herr Grafinger hat bereits alle Besonderheiten der Konstruktion und des technischen Betriebes von Schwimmteichen sehr detailliert erläutert, er ist auf diesem Gebiet auch einer der aktuell renommiertesten Planer, dem ich nicht die Absicht habe, Konkurrenz zu machen.

Wir sind – wie bereits gesagt - der Auffassung, dass der Schwimmteich seinen Platz in der Bäderlandschaft haben kann, weil er einige Besonderheiten aufweist, die ihn für viele Menschen attraktiv machen. Uns geht es darum, diese Besonderheiten hervorzuheben, die Grenzen dieser Besonderheiten zu erkennen und auf diese Weise festzustellen, ob das Produkt „Schwimmteich“ den Wünschen und Vorstellungen des Kunden gerecht werden kann. Wir dürfen uns diesem Thema nicht mit vorgefassten Meinungen annähern. Ich weiß, dass Beispiele immer hinken, aber in diesem Fall scheint es mir einigermaßen zu passen. Wenn ich weiß, dass mein Kunde ein Fahrzeug benötigt, um den Alltag einer 5 – köpfigen Familie zu managen, ist es für ihn nicht hilfreich, wenn ich ihm aufgrund meiner persönlichen Leidenschaft das neueste Solarmobil anbiete.

Doch zurück zum Schwimmteich:

Der Begriff „Schwimm- und Badeteichanlage“ hat sich in den aktuellen Richtlinien durchgesetzt. Er verfügt über natürliche Filterkonstruktionen, die für hygienisch unbedenkliches Wasser sorgen, obwohl keine desinfizierenden Chemikalien eingesetzt werden. Er besteht aus einem Schwimm- und Nutzbereich und einem Regenerationsbereich. Das Wasser wird mit Pumpenkraft im Kreislauf bewegt. Die Reinigung des Wassers erfolgt biologisch durch Pflanzen, Mikroorganismen und Filtration. In der Konsequenz befindet sich in diesem Wasser weder freies Chlor noch dessen Reaktionsprodukte, die manchen Badbesuch erheblich stören können, insbesondere, wenn die Anlage schlecht betrieben wird.

Solange sich das Wasser des Schwimmteiches innerhalb des Kreislaufes im Gleichgewicht befindet, kann der Schwimmteich alle seine Vorteile ausspielen: keine Chemikalien, relativ klares Wasser, die Temperaturen sind mit 23 °C etwas niedrig – nach den Empfehlungen der FLL (Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung und Landschaftsbau e.V.) soll die Wassertemperatur 23 °C nicht übersteigen - aber die Wohlfühligkeit von Wassertemperaturen wird individuell verschieden beurteilt und ist Geschmackssache und die natürliche Einbindung in die Landschaft hat einen ganz besonderen Reiz.

Dieses Gleichgewicht wird aber gestört und zwar durch zwei Faktoren:

hohe Besucherzahlen,
Sonneneinstrahlung.

Projektierung zugrunde gelegt wurden, wird das Gleichgewicht gefährdet, das gleiche gilt für länger anhaltende Sonneneinstrahlung, auch diese gefährdet das Gleichgewicht durch schnell ansteigende Temperaturen des Wassers.

Mehr Besucher tragen mehr Keime und Schmutz in das Wasser ein. Sie verwirbeln Ablagerungen am Beckenboden, die ansteigende Temperatur erhöht die Keimwachstumsgeschwindigkeit und die Geschwindigkeit des Algenwachstums. Beide Störfaktoren treten grundsätzlich gemeinsam auf. Diese Störfaktoren sind nicht ein Sonderfall ähnlich einem Störfall in einer technischen Anlage, sondern sie treten genau dann auf, wenn der Schwimmteich seine bestimmungsgemäße Aufgabe erfüllen soll.

Das Hauptproblem des Schwimmteiches ist, dass genau diese beiden Faktoren – schönes Wetter und viele Besucher - die Grundlage für den Erfolg einer Badeanlage sind. Genau diese beiden Faktoren müssen begrenzt werden, nur um den zuverlässigen Betrieb des Schwimmteiches im Hinblick auf die Wasserqualität zu gewährleisten.

Die Besucherzahlenbegrenzung wird tatsächlich praktiziert. Die Sonnenscheindauer kann man zum Glück nicht begrenzen. Der Temperaturanstieg wird durch Frischwasserzusatz in großen Mengen kompensiert.

Besucherzahlenbegrenzung und Frischwasserzusatz sind Mittel im Kampf gegen das Algenwachstum im Schwimmbecken und im Regenerationsbecken. Diese Mittel kosten Geld durch Personaleinsatz für das Algenabfischen und für den Einkauf von Frischwasser. Dadurch nähern sich die Betriebskosten denen eines konventionellen Bades sehr stark – vorsichtig formuliert.

Im Jahre 2003 wurden temporäre Badschließungen vorgenommen:

Felsenbad Pottenstein   12 Tage geschlossen wegen Algenwachstum
Naturbad Lahr   regelmäßig Montag geschlossen nach heißen Wochenenden
Dennoch hat der Schwimmteich seine Berechtigung, nämlich an Orten, an denen die Besucherzahlen durch Verkehrserschließung, die Entfernung von Zentren auf natürliche Weise begrenzt sind und an denen ein natürliches Frischwasserreservoir in Form einer Quelle oder einer alten Wasserversorgung vorhanden ist, wie zum Beispiel im Falle Albstadt-Tailfingen.

Ein anderer Bereich ist der Einsatz des Naturbades im Zusammenhang mit anderen konventionellen Wasserflächen, sozusagen als zusätzliche Attraktion, oder im Zusammenhang mit Einrichtungen, die nur von einer begrenzten Besucherzahl aufgesucht werden wie zum Beispiel in Hotels oder großen Saunaanlagen.

Die gesamte Aufmerksamkeit richtet sich beim Schwimmteich auf die Wasserwerte:

Temperatur,
Sichttiefe,
Indikatorkeime

neben noch vielen anderen Daten.

Nicht zu unterschätzen sind die Gefahren für das Badebeckenwasser durch den Eintrag von Kleinstlebewesen oder sonstigen Verunreinigungen durch Vögel nicht zu letzt Wasservögel.

Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass wohl aus Gründen der stabileren Hygienesituation für Kinderbecken eine Aufbereitung des Schwimm- und Badebeckenwassers nach DIN 19643 empfohlen wird (Fachkommission Schwimm- und Badebeckenwasser).

Es ist möglich Schwimmteiche in jeder Form zu bauen, als unregelmäßige organische Formen, als Becken mit Sportabmessungen, sodass auch gerichtetes sportliches Schwimmen im Badeteich möglich ist. Gleichwohl halten wir die Badeteiche für Schul- und Vereinsschwimmen ungeeignet, allein schon aufgrund der Tatsache, dass die Sichttiefe stark eingeschränkt ist, das heißt, dass der Beckenboden nicht zu erkennen ist (in Albstadt war das hervorragend zu sehen).

Die Baukosten eines Schwimmteiches sind in vielen Fällen niedriger als die eines konventionellen Bades. Dies ist auf die wesentlich geringere Wassertechnik zurückzuführen und auf die einfachere Bauweise der Becken. Wenn allerdings in zunehmendem Maße Anforderungen gestellt werden – in den Empfehlungen sind sie vorhanden – die die Ausbildung der Becken immer ähnlicher den konventionellen Becken werden lassen, schwindet dieser Vorteil:
- fester Beckenboden, der auch bei Wasserfüllung gereinigt werden kann, mittels Bodenabsauggerät,
- Genauigkeit der Überläufe +/- 2 mm (KOKRichtlinie)
- Wenn, wie im Falle Längenholz, die Beckenausbildung mit Abgrabungen und Aufschüttungen verbunden ist, entstehen Baukonstruktionen, die sich mit den Beckenkonstruktionen konventioneller Becken vergleichen lassen,
- Wenn, wie im Falle Aischbachstraße, das Grundwasser ca. 1 m unter Gelände ansteht, erfordert die Beckenabdichtung besondere Aufmerksamkeit gegen Aufschwimmen.

Sätze - Zitate
Die Unterhaltungskosten eines Naturbades sind nicht zwangsläufig günstiger (Schwimmeister, DLRG, Untersuchungen etc.)

Die Preisdifferenz zwischen Pool und Schwimmteich wird immer geringer.
Dipl.-Ing. Jörg Baumhauer DGfnB e.V., Deutsche Gesellschaft für naturnahe Badegewässer e.V.

Der Betreiber einer Schwimm- und Badeteichanlage muss die Badegäste gemäß Empfehlungen der Fachkommission Schwimm- und Badebeckenwasser über das naturbelassene, nicht desinfizierte Badewasser und über das damit erhöhte Gesundheitsrisiko mit Hinweisschildern informieren. Diese sollten im Eingangsbereich montiert sein.



Dr.-Ing. Inès Maria Rohlfing, Landschaftarchitektin und Sachverständige für Schwimmteiche, 42579 Heiligenhaus in "Sport Bäder Freizeit 2/2004"

Sehr geehrte Damen und Herren, herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Dipl.-Ing. Siegfried Klotz, Klotz und Partner GmbH, Stuttgart

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